Götterdiener - Anspruch und Realität

In den vorherigen Abschnitten wurde den Darstellern von Götterdienern die Anspruchshaltung der Community im DSA-Liverollenspiel vermittelt. Nun soll die Perspektive dahingehend gewechselt werden, wie im Spiel mit Geweihten, Novizen und Akoluthen umgegangen werden kann. Wie verhalten wir uns, als Mitspieler, gegenüber solchen Figuren, gleichgültig ob diese als NSC, SC, Festrolle oder IT-SL zu identifizieren sind?

Phex-SchreinHandwerkliche Plotarbeit mit Unterstützung des Ingerimm-Geweihten

Was man erwarten kann (Beispiele):

  • Missionierung: Eine Efferdgeweihte versucht Gläubige für ihren Gott zu gewinnen, indem sie gegen Feuer und Ingerimm predigt.
  • Götterspiel: Ein Peraingeweihter macht aus einer Heilung eine Lehrstunde in den Tugenden der Göttin. Danach pflegt er den Kräutergarten zusammen mit der Geheilten.
  • Seelsorge: Ein Boroni kümmert sich um einen von Alpträumen geplagten Bürger und berät eine Familie, dessen Kind schlecht einschläft.
  • Vermittler: Eine Praiosgeweihte vermittelt in einem Adelsstreit, in dem es um Erbrechte geht. Sie wird als Experte für die Prüfung der Echtheit der Ansprüche hinzugezogen.
  • Moderator: Ein Hesindegeweihter moderiert eine Versammlung, in der verschiedene Parteien Informationen zusammentragen wollen und in der es sonst sehr unübersichtlich zugehen würde.
  • Berater: Eine Nandusgeweihte berät einen verhafteten Aufrührer während ein Traviageweihter diesem einige Ideen zur traviagefälligen Lebensgestaltung an die Hand gibt.
  • Diskretion: Von praktischen allen Geweihten kann man erwarten, dass sie ihr Wort halten und das Erzählte diskret behandeln. Selbst Phexensdiener würden wahrscheinlich nur für sich oder besser zum Wohl der Gläubigen Vorteile aus dem Wissen ziehen.
  • Gebetsanleitung: Eine Rahjani hilft einem Harmoniesuchenden, die rechten Worte zu finden, um bei der lieblichen Göttin für einen besonderen Menschen zu beten.
  • Flair: Ein Tsageweihter hopst farbenfroh und frohgemut singend über den Burgplatz, während ein Ingerimmgeweihter kurz von seiner Arbeit aufblickt und leicht belustigt den Kopf schüttelt.
  • Kritik / Rüge: Eine Traviageweihte rügt den gierigen Esser am Tisch öffentlich, nachdem er vor dem Gebet mit dem Essen begann. 

Mut zum Spielen !!!

Es ist vollkommen gleichgültig, ob ein Götterdiener respekteinflößend ist, Würde vermittelt, wichtig wirkt oder man aus IT-Gründen vorsichtig sein muss. Bitte geht einfach auf diese Charaktere zu und spielt mit ihnen. Denn das mindeste, was man von einem Götterdiener erwarten kann ist, dass er irgendwie auf euer Anliegen im Spiel reagiert. Egal, ob dieses für den Götterdiener womöglich wichtig erscheint oder belanglos, überlasst eurem Mitspieler zu entscheiden, mit wie viel Zeit er sich dieser Sache annehmen kann und will. Oft wird nämlich tolles Spielpotential verschenkt, indem man sich selbst eine unnötige Anspielhürde schafft, die faktisch keiner braucht.

Travia-HochgeweihteHesinde-Diener im DisputRondra-Geweihter mit Novizin

Was man nicht erwarten kann:

  • Plotlösemaschine: Götterdiener sind besser in einer beratenden und unterstützenden Funktion aufgehoben und haben nicht die Aufgabe, den Plot alleine zu lösen.
  • Seelenprüfungsroboter: Nur sehr erfahrene Geweihte, in der Regel auch nur Hochgeweihte, verfügen über diese Liturgie, die mit sehr viel Fingerspitzengefühl eingesetzt werden muss, weil sie einen Plot komplett kippen kann. Die Seelenprüfung ist also auf keinen Fall ein Alltagsgebet, selbst nicht für den Charakter, der darüber verfügen könnte.
  • Karmalzauberer: Während Zauberer schnell und lösungs- / effektorientiert zaubern können, liegt der Schwerpunkt des Spiels um Gebete eher in der ausgespielten, rituellen Handlung und im Götterspiel. Liturgien mit wirklich relevanten Auswirkungen auf das Spiel sollten absolute Seltenheit haben, mal abgesehen davon, dass viele davon nicht schön darstellbar sind. Die Anforderungen an das Geweihtenspiel im Liverollenspiel unterscheiden sich stark vom Spiel am Tisch, weswegen sich die Neuausrichtung der DSA5-Liturgiemechanik scheinbar ein bisschen beißt. Beim Larp geht es aber in erster Linie um schönes Spiel und überzeugende Darstellung, weniger darum, was in der Spielwelt geht oder möglich wäre.
  • Akkordsegner von Waffen: Eine Waffensegnung oder gar -weihe ist ein aufwändiges Ritual, in dem nur sehr wenige Waffen für besonders verdiente Träger nach genauer Prüfung der Würdigkeit und mit persönlich Eignung für die Tugenden des durch den Geweihten vertretenen Gottes gesegnet werden. Spontane Notsegnung aller Waffen in Gefahrensituationen und Schnell-Schnell-Segnungen sollten daher vermieden werden.
  • Banner von Dämonen: Götterdiener stellen sich als Vertreter der alveranischen Ordnung dem Chaos der Dämonen entgegen, aber nur die wenigsten von ihnen können überhaupt solche Wesen bannen. Vielmehr müssen sie bei diesem waghalsigen Tun von anderen Charakteren geschützt werden. In passenden Situationen vermag dann ein Geweihter vielleicht auch einen Rondrasegen schützend für einen Rückzugsort zu sprechen, um eine Zone zu schaffen, die der Dämon eine zeitlang nicht betreten kann.
  • Exorzisten par excellence: Nur sehr spezialisierte, erfahrene Geweihte weniger Kirchen beherrschen den Exorzismus dämonischer Wesenheiten aus Personen, Gegenständen oder Orten. Selbst wenn, ist dies ein langes Ritual, das am besten unter Einbindung vieler anderer Charaktere geplant und vorbereitet abläuft.

Ingerimm-GeweihterBoroni am SchreinPraios-Geweihter mit Bannstrahler

  • 24-h-Betreuung: Auch die Darsteller von Götterdienern wollen Ruhe, haben Kopfschmerzen, finden den Plot unattraktiv, oder haben gerade andere Pläne. Es ist immer noch ein Hobby.
  • Nettigkeit: Obwohl viele Götterdiener vielleicht nett sind, gibt es keinen Anspruch darauf. Ein Efferdgeweihter kann toben, eine Firungeweihte abweisend und kalt sein, ein Praiosgeweihter harsch und uneinsichtig wirken… es gibt keine Garantie auf immer freundliche Geweihte, die einem in jeder Situation helfen. Denkt daran, dass auch die Darsteller von Götterdienern eine Rolle verkörpern und euch nicht OT etwas Böses wollen, wenn sie im Spiel fuchsig sind.
  • Plotmülleimer: Wenn der Plot unattraktiv erscheint, kann man ihn ja dem Geweihten geben, dann muss man sich darum nicht mehr kümmern. Wir bitten inständig darum, dies nicht so zu handhaben! Dieser Leitfaden ermutigt die Darsteller von Götterdienern, Aufgaben postwenden zurückzugeben und beratend an Lösungen mitzuwirken. Sie sollen explizit nicht alles selbst machen. Wegen ihres Überblicks und der Quervernetzung zu verschiedenen Charakteren können sie allerdings gut dabei behilflich sein andere, interessierte Mitspieler einzubinden oder den Plot an diese abzugeben.
  • Alleswisser: Geweihte sind Spezialisten in ihrem überschaubaren/definierten Gebiet (z.B. Peraine: Ackerbau, Pflanzen, Heilung) und ihrer Religion. Darüber hinaus müssen sie keine Gelehrten und schon gar keine Alleswisser sein. Während man von einer Hesindegeweihte einen Überblick verschiedener Wissensfelder erwarten kann (aber auch keine Allwissenheit!), ist der Firungeweihte aus den Wäldern um Riga sicherlich kein gelehrter Aventurienkenner!
  • Allesmacher: Dieser Leitfaden ermutigt Geweihtenspieler, weniger selbst zu machen und mehr Spiel zu generieren, indem sie andere Mitspieler beraten, die moralische und religiöse Komponente von Problemen beleuchten – und nicht losrennen und es selber machen.
  • Anführer: In Aventurien führen der Adel oder profane, dafür vom Adel eingesetzte Spezialisten in praktisch allen Belangen. Die Rolle von Götterdienern ist es, die weltliche Führung im Sinne ihrer Gottheiten zu beraten und ihr beizustehen, v.a. bei moralischen Entscheidungen. 

Ritter mit Rondra-AkoluthinPhex-Novizin mit Phex-Geweihtem

Der Götterdiener – Beschränkungen und Können

  • Ein Götterdiener ist ein Götterdiener, kein Kämpfer, kein Magier, kein Allroundgelehrter, kein Alleskönner. Genau genommen ist er ein Spezialist, der in seinem eng begrenzten Gebiet sehr gut ist, dabei aber auf breiter Front im Spiel ansprechbar ist.

  • Kein Allwissender: Der Götterdiener hat eine solide Grundbildung über Götter, Magie und die Welt, aber kein tiefgreifendes Spezialwissen. In der Realität braucht es dann spezialisierte Gelehrte / Schriftkundige / Handwerker / Kämpfer / Leute aus der Gegend / etc. zur Lösung, was wiederum ein schönes Zusammenspiel mit sich bringt.

    Mit einem breiten, aber eher oberflächlichen Wissen kann man in den meisten Situationen etwas beitragen, ohne gleich als Universalgelehrter die Lösungen zu bringen und somit den Experten ihre Nischen zu nehmen.

    Beispiel: Ein bodenständige Traviageweihter unterstützt eine Gruppe Abenteurer dabei, einen verschlüsselten Nanduriatext zu entziffern. Er versucht etwas zur Übersetzung selbst beizutragen, muss aber eingestehen, dass er nicht klug genug dafür ist. Er würde mit Bauernschläue vielleicht einige Hilfen geben können, aber seine Rolle fände sich eher darin, eine Legende über das sich herauskristallisierende Thema zu erzählen und den Experten eine Stärkung an den Tisch zu bringen sowie ermutigende Worte zu sprechen.

  • Brückenbauer zwischen Charakteren: Götterdiener können dazu beitragen, dass verschiedene Gruppen miteinander ins Spiel kommen und sich z.B. gemeinsam einer Aufgabe annehmen. Über Moral und Religion lässt sich meist eine Möglichkeit finden, auch sehr heterogene Charaktere zum Zusammenarbeiten zu bewegen.

Hesinde-GeweihteRahja-LagerPeraine-Geweihte

  • Nachteile und  Schwächen des Charakters: Schwächen machen einen Charakter greifbarer und menschlicher, verleihen ihm Tiefgang und Lebendigkeit. Deswegen: Mut zur Schwäche!

    Beispiele: Große Stärken erfordern auch ordentliche Nachteile!
    • Die nicht ganz so schlaue, naive Vorsteherin des Traviatempels, denn in ihrer Kirche zählen ganz andere Tugenden und nicht Intellekt.
    • Der Phexmystiker, der eine viel zu große Klappe besitzt und sich selbst überschätzt und damit immer wieder in Probleme gerät.
    • Der weise Draconiter, der neugieriger ist, als gut für ihn ist, und der sein Wissen leider oft zu intellektuell und zu verklausuliert ausdrückt, so dass man ihm kaum folgen kann.
    • Die liebenswürdige Perainegeweihte, die es mit der Fürsorge einfach maßlos übertreibt. 

Mit diesem Leitfaden sollen die menschlichen Seiten der Götterdiener in den Vordergrund gestellt werden. Der Geweihte ist also ein ganz normaler Mensch, der zwar mit einer besonderen Gabe ausgestattet ist und sich in der Nähe zu den Tugenden seines Gottes bewiesen hat, jedoch trotzdem ganz normale Fehler, Marotten und Charakterschwächen besitzt. 


Weiter geht es im Abschnitt "Gebete, Segen und Liturgien".